RSG Kolumne
Die gottverdammte Pleite
(frei nach Ludwig Hirsch)
18.06.2007

Als die Kinder Klingeln am Rad festmachten
und im Training nicht mehr lachten,
als sie ihren Müsliriegel nicht mehr aßen
und stattdessen Latexschläuche fraßen,
als sie ihre Trikots zerrissen
und in teure Laufräder bissen.
Als schließlich unser Vereinsheim brannte
und der Trainer um sein Leben rannte,
da wussten wir, es ist aus.

Begonnen hat sie damals, diese gottverdammte Pleite,
Ende März, im vergangenen Jahr.
"Fünf-Kuppen-Tour" hieß das Senioren-Event, im Raum Schwarzwald und Umgebung,
wie üblich der Grenze ziemlich nah.
Man steckte Strecken ab, baute Tribünen auf
und abends haute man sich die Teller voll.
Doch das Schlimme an der Sache, und das wussten wir noch nicht,
da hat ein Radfahrer einen anderen überholt.
Ja, das Schlimme an der Sache, und das wussten wir noch nicht,
da hat ein Radfahrer einen anderen überholt.

Jonathan, das kleine Bübchen, mit dem Telekom-Trikot,
putzt im Garten, vor dem Haus, an seinem Velo.
Die Eltern sitzen im Salon: "Was, Herr Präsident, Sie gehen schon?",
fragt die Mutter und schiebt ihm Obstkuchen in den Mund.
Da tritt Jonathan durch die Tür, zieht sein Velo hinterher.
Sein Velo, dem wer den Rahmen durchgesägt hat.
Der Vater schreit, die Mutter weint, der Präsident kotzt ihr Obstkuchen auf's Kleid.
Nur Jonathan lächelt, mit Aluspänen um den Mund.
Ja, im Raum Schwarzwald an der Grenze
hat dieser gottverdammte Radfahrer
diesen gottverdammten anderen überholt.

Der kleine Thomas ist 7 Jahr', und er freut sich jedesmal,
wenn ihn am Wochenende Großvater besucht.
Denn der erzählt ihm schöne Mähren, von Etappensiegen und Bergen,
aus dem mitgebrachten, alten Fahrradbuch.
Ja, dem Großvater, so sagen sie, dem schlägt das Herz am rechten Fleck.
Nur dieses Wochenende hat ihm wer den Schrittmacher versteckt.
In seinem Zimmer baut allein, der kleine Thomas ganz geheim,
in seinen Tacho den Herzschrittmacher ein.
Ja, im Raum Schwarzwald an der Grenze,
hat dieser gottverdammte Seniorenfahrer
diesen gottverdammten Einen überholt.

Bis auf die Zähne bewaffnet und zitternd vor Angst,
die Kerze wirft Schatten, die Kellerwand tanzt,
so hocken wir da, unten in der Radwerkstatt und Tränen weinen wir, Tränen.
Unsere Kleinen, da draußen, verbrennen die Erde.
Es kochen die Flüsse, es verdampfen die Meere,
oben am Himmel, der kleine Bär,
schläft auch nicht mehr.
Ja, unsere Kleinen, unsere Kleinen haben uns den Krieg erklärt.
Haben Dir, Mutter, mir, Vater, den Krieg erklärt,
weil im Raum Schwarzwald, an der Grenze,
hat dieser gottverdammte Seniorenfahrer
einen TOUR-Sieger überholt.

Der Trainingsweltmeister
-Profi-
09.05.2007

In den ersten Monaten des Jahres wurden in unserer Gegend häufiger radelnde Profis gesichtet. Mit Abstammung aus nordischen Ländern. Habe mich natürlich gefragt, was so ein Profi hier in Würzburg treibt. Da ich es mir nicht recht erklären konnte, dachte ich, fragst ihn halt einfach mal, den Profi. Bei einer Sonntagsausfahrt dann, nach einer halben Stunde neben ihm, dem Profi, traue ich mich: „Und, was machst du so in Würzburg?“ Er guckt komisch: „Radfahren!“

Ich: „Ich meine, beruflich!“
Er, nordländisch geduldig: „Radfahren!“

Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer, der Profi wird nur Profi genannt, weil er wie ein Profi aussieht und trainiert wie ein Profi, und nicht, weil er einer ist.

Na super, das hätte mir ja mal einer vorher sagen können.

Der Trainingsweltmeister
Der Kongress der Trainingsweltmeister
08.04.2007


Auch dieses Jahr fand wieder ein Kongress der Trainingsweltmeister in Cesenatico statt. Vom 31.03. bis 06.04.07 trafen sich 47 Rennradbegeisterte im Hotel Gambrinus in Bellaria, um sich auf die kommende Saison vorzubereiten.

Hier das Wichtigste in Auszügen:

Wir haben ganz schön Eugen gemacht, wer da alles sein Rad Im Keller untergebracht hat. Im Speisesaal lagen schon Gabel und Löffel bereit, es gab nämlich so eine italienische Pastika. Wördehofft hat, dass es nach dem Essen gleich losgeht, konnte sich freuen. Gemeinsam ging es zur Cappucino Runde in die Hügel. Auweh! Werner der erste Buckel net so brutal gewesen. Die ersten 100 km hätten fast die Stimmung etwas verHagelsteint. Die Terrasse lud danach ein, die Füße hoch und die Hände in den Schossow zu legen.

Am nächsten Morgen ging man fredwillig zum Frühsport Hannestrand. „Irenet!“, dachte ich und blieb liegen. Das war auch jut. Ta kannste drauf wetten.

Später am Tag ging es noch weiter rauf in die Berge. Trotz Schnee und Calvint (= kalter Wind) ham wir kan-Skifahrer gesehen. Bei der Auffahrt nach San Marembold haben wir vor lauter Nebel den Tom (= Dom) nicht gesehen. Auf der Abfahrt ging es gunther und drüber. Da kannstephan wie in einem Videospiel. Zum Glück ging keiner verfloren.

Die dritte Tour ging auf die Panoramica, genau so schön wie in Frankreich. Josef und Martina, da wurde es spät, die Audos hatten schon alle U-Licht.

Abends wollte mich jemand auf ein Bier einladen. „Roger!“, sagte ich, „ist geBongwaldt. Ich nehm` ein Patrizia!“ Auf Martini oder Wodka Gorbajeff hatte ich keine Lust – Brrr Igitte - und vom Ramazotti kriegt man immer so `nen Brand.

Nach einigen Tagen hatten wir Franken Berger um Berger bezwungen und uns die Hintern derart aufgeschrammt, sodass manch einer einen lustigen Wolf-Gang hatte. Grad so, als hätte man sich in einen rostigen Scharnagl gehockt. Ein paar machten den Markus und weinigten herum: “Wie krieg ich das bloß wieder heil Mann!“

Am Ruhetag hieß es dann: No-Radfahren! Viele wären doch Philipper länger als nur zum Cappo gefahren oder nochmals Andi Berge ran.

Hughst am nächsten Tag regnete es dann. Der Eine oder Andere legte sich gleich nach dem Frühstück schnelisabeth und war froh, dass Mannicht gleich wieder auf den Sattel musste.

Auf der Königsetappe blieb keine Zeit, auf den Hüttingern auszuruhen. Fast hätte ich am Bas ti anderen (= Pass) verloren, weil mein Scharaldwerk irgendwie rumgemaiert hat.

Der Trainingsweltmeister
Ein Fall für den Jugendschutz?
04.03.2007

An dieser Stelle möchte ich einmal Partei ergreifen für die altgedienten Rennradler unseres Vereins. Nämlich diejenigen, die den Radsport in unserer Main-Metropole überhaupt erst salonfähig, ja ich behaupte sogar, gesellschaftsfähig gemacht haben. Die das Fahren in Zweierreihe optimiert, kultiviert und mehrfach überarbeitet haben. (Versuche, Würzburg in den 60er Jahren in Achter-Reihe mit nachgeschobenen Zweier-Reihen - für die Seniorenfahrer - zu durchqueren, scheiterte an Protesten aus der Bevölkerung und einiger Zweier-Reihen-Fahrer, die sich zurückgesetzt fühlten. Doch das nur am Rande).

Bei diesen unbestrittenen Verdiensten kann es einfach nicht angehen, dass man die in Verruf bringt, die noch mit 5-fach Ritzeln die Hettstädter Steige bezwungen haben und das auf Stahlrädern mit über 20 kg (gemessen ohne Pedale und ohne Trinkflasche!).

Die sich für den Verein aufgeopfert haben und jeden Sonntag harte Rennen gefahren sind – wenn auch nur im Rahmen der Trainingsausfahrt. Für die Urlaub noch Urlaub hieß und nicht neumodisch „Trainingslager“.

Denen also wird schier Unglaubliches vorgeworfen:

Das „Ligurien-Trainingslager“ diene nur dazu,
die Älteren für das „Adria-Trainingslager“ auf Vordermann zu bringen, damit sie dort nicht allzu schlecht aussähen.


Dieser Verleumdungskampagne muss entschieden entgegengetreten werden!

Zur Klarstellung der Unwahrheiten: Es ist schlicht falsch, dass…

…Nachwuchsfahrer als Tempomacher im Ligurien-Trainingslager herhalten müssen, damit der Schnitt zumindest höher als 28 hm/h liegt.

• …diese „Windschattenspender“ für ihre Dienste bezahlt werden.

• …einige Ältere planen, für das Adria-Trainingslager auf leichte Laufradsätze mit Schlauchreifen „umzurüsten“.

• …„Rennradfahrer-Kinder“ mit dürfen, um den Altersdurchschnitt von 53,4 auf 38,2 zu senken.

• …diese Kinder abends die Vorderräder der Senioren eine Stunde lang drehen mussten.

Damit ist alles gesagt!

Der Trainingsweltmeister
Kompaktkurbelfahrer
11.02.2007


Neuerdings machen sich einige Rennradler einen „Namen“ als Kompaktkurbelfahrer. Dazu gehört schon was: Man braucht nämlich je nach Modell zumindest auch ein neues Schaltwerk und den Mumm, sich mit dem Ding zum Radtreff zu trauen. Während die Damen das ganz toll finden: „Hey, du fährst auch Kompakt?“, verziehen die 53/39 - Männer verächtlich die Mundwinkel und tuscheln: „Selbst in den Bergen brauch ich den Scheiß nicht. Das käme höchstens bei der Jeantex-Transalp in Frage! Und auch nur, wenn ich das mit meiner Freundin fahren würde. - Wo kriegt man eigentlich 55er Kurbeln her?“

Jedenfalls verstummen die Gespräche recht schnell, wenn Kompaktfahrer und 53/39-Mann vorne im Wind fahren. Da gibt es kaum Gesprächsbedarf. Außer: „Da vorne geht es leicht bergab, vielleicht gehst du besser hinter, die 50km/h packt deine Kurbel doch eh nicht.“

Worauf der Kompaktfahrer lässig erwidert: „Ich fahr` eh nicht gerne so schnell bergab.“

Klar wie Kloßbrühe, wie soll er auch? Wozu ist er denn eigentlich gekommen? Um sich für den Frauentreff zu empfehlen, oder was?

Während vorne die Männer mit hartem Tritt Schwerstarbeit verrichten, hört man hinten aus dem Feld immer wieder entspanntes Schwärmen: „Da macht man sich sonntags in der Früh echt keinen Kopf mehr! - Wo geht die Tour hin? Reicht das Ritzel, wenn es einen Berg hochgeht? Da fährt man ganz e a s y los, kommt fast ausgeruht heim und kann sich beim Fahren immer unterhalten. Einfach s u p e r ! “

Vorne keuchen sich die Athleten, während sie automatisch an dem lange Gefälle das Tempo auf kompaktfeindliches Tempo hochziehen, das Versprechen zu, niemals, wirklich niemals, umzurüsten.

Dann sterben die Gespräche ab, am Ende des Gefälles wartet das Ortsschild. Die Stelle, an der sich alles entscheiden wird. Der Ort, an dem beim Überqueren der unsichtbaren Ziellinie ein neuer Held geboren wird oder der Sieger vom letzten Sonntag seine Vormachtstellung als Sprintkönig bestätigen wird. Der Moment, in dem Kompaktfahrer nix mitzureden haben, weil Sieger jenseits der 60km/h gemacht werden.

Die Entscheidung ist gefällt, ein Stück Vereinsgeschichte passiert, man rollt aus, beglückwünscht sich fair unter Männern zur grandiosen Leistung per Handschlag und Schulterklopfen. Dafür erduldet man den leicht blutigen Geschmack im Mund, das brennende Schmerzen in der Lunge und vor allem den Beinen.

Nach 30 Sekunden funktioniert das Gehirn wieder ganz gut und man nimmt am Rande den inzwischen auch schon eingetrudelten („Hä? Sind die auch schon da?“) und angeregt plaudernden Kompaktfahrer wahr, der von all dem nichts mitgekriegt hat und einer sehr interessiert zuhörenden Kompaktdame sein neues tolles Schokoladenkuchenrezept erklärt und dabei bewundernde Blicke ob seiner häuslichen Fähigkeiten erntet…

Der Trainingsweltmeister
Auweia – wie peinlich!
29.01.2007

Vielleicht lag es ja am Trinken (zu wenig?). Oder ungewohnte Nahrungsaufnahme (zu viel in den letzten Monaten?). Oder schlecht geschlafen (Bar???). Oder an allem. Vielleicht ist ja auch einfach so, dass bei gewissen Menschen die Laktatbildung im Muskel etwas früher einsetzt als bei anderen gewissen Menschen, die öfter trinken (Wasser!), vernünftig Essen (Vollkornbrot!) und besser schlafen (Bar!).

Vielleicht ist es ja auch nur ungewohnt (vermessen), mitten im Winter plötzlich bei 20° in der Sonne zu trainieren (Halbprofis nachzuhecheln)? Und dann noch mit Menschen, die das lächerliche Wörtchen „Laktat“ aus ihrem Sprachwortschatz wegtrainiert haben. Die nachts zuckend an ihren Muskelstimulationsgeräten hängen und davon träumen, dass ihnen mal ein echter Pro vor`s Carbon fährt und nicht wieder der weizenbiertrinkende „Hobbyfreizeitradler“, der sich für die nächsten Intervalle Mut antrinken muss und dessen Bierfahne morgens für wilde Spekulationen und schiefe Blicke in der Laktatverweigererfraktion sorgt: „Hat der etwa Bier getrunken? Auf Mallorca?“

Jedenfalls ist mir zu Ohren gekommen, dass der eine gewisse Mensch nach einer läppischen Trainingsausfahrt von nicht mal ganz 200 Kilometern, abends, vor seinem nächsten Barbesuch, Krämpfe hatte und ein bisschen vor dem anderen gewissen Menschen rumgejammert hat deswegen, worauf dieser sich sichtlich erstaunt zeigte:

„K r ä m p f e !?“

P A U S E

„I M  T R A I N I N G ? ? ?“