Nach meinen ersten Tagen in Bangkok, von denen ich Euch ja bereits berichtet hatte, bin ich nun seit gut drei Wochen im „Cycling Camp for 24th SEA-Games“. Angelegt in einem Militärlager in der Nähe von Pak Chong ca. 80km vor Nakhon Ratchasima / Khorat in der Nähe des Nationalparks „Khao Yai“.
Hier lässt es sich nun auch nicht mehr übersehen, dass ich offiziell bei der thailändischen Armee angestellt bin: Neben der spartanischen Ausstattung der Räumlichkeiten gehört das morgendliche Antreten um 6:30 a.m. ebenso zum Tagesablauf wie das gemeinschaftliche Abendgebet um 8:30 p.m. und die anschließende Bettruhe. Mir steht ein eigenes Reihenhaus mit zwei Etagen zur Verfügung. Der „Bungalow Nr.17“. Bis auf ein Bettgestell, war Dieser bei meiner Ankunft dann auch völlig leer und mit dem Inhalt meines halbvollen Koffers, selbst bei großzügiger Verteilung, nur notdürftig zu füllen. Welch trauriges Bild. Wer meine mit Sportartikeln vollgestopfte Bude in München kennt, kann sich vorstellen welche Umstellung dies für mich war.
9. Das Jahr 2550
In Thailand ist man der Zeit voraus. Zumindest unserer Mitteleuropäischen: Beim Sichten der Trainingsdokumentation der Athleten viel mir auf, dass die Datumseinträge immer auf die Zahl 2050 endeten. Nebenbei bemerkt, war der Rest für mich der thailändischen Schriftzeichen wegen überhaupt nicht zu lesen. Da die Thailänder im Wesentlichen der Buddhistischen Glaubensrichtung folgen benutzt man landesintern zu Ehren Buddhas Geburt einen anderen Kalender, in dem wir augenblicklich das Jahr 2050 schreiben.
10. Die Streckenbegehung oder der kleine Mann mit dem großen Haumesser
Da man mich unter Anderem zur Verbesserung der fahrtechnischen Fertigkeiten der Piloten engagiert hat, beantrage ich als eine der ersten Maßnahmen eine Besichtigung der Abfahrtsstrecke für die SEA-Games im Dezember, die am Berg gleich hinter dem Lager verlaufen soll. Ich möchte so einen Eindruck gewinnen, welches Niveau den Fahrern hierzulande abverlangt wird.
Als der so genannte „Coursedesigner“ (Hört sich übrigens auch wie „Kotdesigner“ an…) Mr. Tada (In Thailand benutzt man fast immer Spitznamen. Vermutlich, da die richtigen Namen so voluminös sind, dass sie selbst für Einheimische zum alltäglichen Gebrauch zu unhandlich sind.) nach dem Mittagsmahl bei 35°C völlig vermummt mit Gesichtsmaske, Tropenhelm und einem Buschmesser das ungefähr halb so groß ist wie er selbst zum Abrücken erscheint, wird mir zum ersten Mal etwas mulmig in meinen Shorts. Als Mr. Tada in fragmenthaftem Englisch einräumt, dass der Kurs noch nicht ganz fertig sei, ahne ich was mir blüht und gehe mich schnell noch umziehen.
Als wir nach wilder Auffahrt mit dem Jeep mit der Streckenbegehung beginnen, wird schnell klar, dass „Nicht ganz fertig“ in Wahrheit bedeutet, dass man mit den Rohdungsarbeiten noch nicht ganz begonnen hat: Ein eingefahrener Trail oder Ähnliches ist weit und breit nicht in Sicht. Stattdessen wuchtet sich der Coursedesigner mit kräftigen Hieben im anderthalb Meter hohen Gras voran. Ich habe etwas Schwierigkeiten ihm zu folgen, da der Kopf des kleinen Mannes über dem Grashorizont nur gelegentlich zum Vorschein kommt. Ich erinnere mich spontan an die Geschichte der „Sowosamma-Neger“ (die ich als bekannt voraussetzen darf?) und frage mich, ob sie wohl aus Thailand stammt? Insgeheim ärgere ich mich schwarz, dass ausgerechnet heute der Akku meines Fotoapparates leer ist und ich diese Szene nicht für Euch festhalten kann. In der Tat ist es erstaunlich, woran der Coursedesigner seine Streckenführung überhaupt erkennt. Dennoch führt er mich zielgenau zu einem felsigen Absturz am Rande des Waldes: Eine Steilstufe von etwa 15m in drei Kaskaden. Selbst zu Fuß ist diese Stelle nicht ohne Einsatz der Hände zu überwinden. Während Mr. Tada in einer schmalen Rinne abwärts klettert, fragt er mich mit großen Augen was ich von dieser Sektion halte. Mein erster Gedanke ist: Aber hallo! So schlecht kann das Niveau nicht sein, wenn sie diese Passage in ihren Kurs einbauen wollen. Ganz im Gegenteil ist die Rinne, die dem Fußgänger die augenscheinlich einzige Möglichkeit für einen Abstieg durch die griffarmen Felsen gewährt, mit dem Rad völlig unfahrbar. Etwas weiter rechts, gegenwärtig stark von allerlei Urwaldgehölz überwuchert, offenbaren sich mir nach einigem Umsehen eine Folge von mehreren ca. 60° (also praktisch frei fallenden) steilen Platten, die nur durch kleinere überhängende Stufen durchsetzt sind und die mit dem Rad eigentlich abfahrbar sein sollten. Etwas problematisch erscheint mir daran dann noch der mangelnde Auslauf: Ohne weitere Erdhubarbeiten würde man am Fuße der Felsen ziemlich unangespitzt in ein grobes Geröllfeld einschlagen. Da ich aber schon immer ein Verfechter von anspruchsvollen DH-Strecken war, die nicht nur aus Einheitslinien-BMX-Gehopse á la Diddie Schneider (Anm. d. A.: Deutsches Pendant zu Mr. Tada, nur etwas „wamperta“) bestehen, wende ich mich mit zuversichtlichem Gesichtsausdruck und doch leicht gemischten Gefühlen dem Coursedesigner zu und gebe ihm mein O.K.: Daumen hoch! Auch der weitere Verlauf der Strecke verspricht anspruchsvoll und durchaus abwechslungsreich, aber vor allem „sauschnell“ zu werden. So weit man dass jetzt schon beurteilen kann. Allerdings habe ich so meine Bedenken, ob die Strecke rechtzeitig fertig werden wird. Die SEA-Games sind zwar erst im Dezember, aber in vier Wochen wollen sie hier die Landesmeisterschaften abhalten. Na denn mal los! Alleine das Rohden einer entsprechenden Schneise dürfte diese Zeit wohl aufbrauchen. Ich bin gespannt…
Am Abend begrüßt mich dann noch der Kasernenkommandant. Endlich mal jemand mit dem man sich einigermaßen „tiefgreifend“ unterhalten kann, ohne dass man das Gespräch aufgrund völlig unpassender Entgegnungen frustriert einstellen muss. Ich erzähle ihm, wie ich die geplante DH-Strecke einschätze und irgendwie kommen wir dann darauf zu sprechen, welche Tiere es in diesem Wald so gibt. Er berichtet es gäbe vor allem Schlangen, darunter auch viele Kobras. Dass ich aber eigentlich deswegen nicht so weit gehen müsste weil es auf dem Kasernengelände auch genug davon gäbe. Seine Soldaten zum Beispiel spielten in ihrer Freizeit gerne mit einer Boa, die sich wohl seit längerem im Lager aufhält. Außerdem erzählte er, dass erst am gestrigen Tag einer seiner Männer bei Gartenarbeiten von einer Giftschlage gebissen wurde. Unweigerlich stelle ich ihm die Frage, was man denn am besten tun solle, wenn man einer Kobra plötzlich gegenüberstünde: „Run or don’t move?“ Er lächelt etwas verlegen und sagt dann grinsend: „First: Don’t move! then run!“ Ich versuche einen Augenblick lang diesen aufschlussreichen Tipp vor meinem geistigen Auge durchzuspielen, verwerfe den Gedanken dann aber wieder.
11. Der Mann mit der Stoppuhr und wer ist eigentlich dieser Mr. Manop?
Wie schon erwähnt, verwenden hier im Lager eigentlich alle nur Namenskurzformen. Dennoch war es für mich Anfangs sehr schwer, den Überblick zu behalten wer nun auf welches Kürzel hört. Da man dann doch nicht dauernd peinlich nachfragen möchte, wie denn der werte Name gleich noch mal gewesen sei beschloss ich, dass ich die wichtigen Namen im Gespräch schon aufschnappen und zuordnen würde. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt die Rechnung noch ohne die Eigenheiten thailändischer Grammatik, übertragen ins Englische, gemacht. Doch dazu gleich noch Mehr…
Jedenfalls habe ich drei Assistenztrainer von denen Einer bisher noch gar nicht in Erscheinung getreten ist, da er auf einem Lehrgang sein soll. Der Zweite ist der bereits charakterisierte „Coursedesigner“ Mr. Tada. Da dieser mit dem Bau der Strecke bis über beide Ohren mit Arbeit eingedeckt ist, arbeite ich bis auf Weiteres mit einem kleinen Kerl zusammen, dessen Namen ich leider noch nicht aufschnappen und zuordnen konnte. Er verlässt das Haus nie ohne seine Stoppuhr und hat sichtlich Freude daran Zeitspannen unterschiedlichster Natur zu erfassen und zu dokumentieren. Ein derartiges buchhalterisches Talent ist mir zwar noch nicht untergekommen, ist aber eigentlich für einen Assistenztrainer keine schlechte Referenz. Dennoch neigt er für meinen Geschmack bisweilen zur Übertreibung dieser Kontrollmethode: So stoppt er unter Anderem jeden Abend die Zeit des gemeinsamen stillen Gebets Zeitlich und anschließend inhaltlich. Sein Countdown kennt kein Erbarmen. (Zur Visualisierung eurer Vorstellungen könntet ihr das angehängte Teamfoto betrachten. Er ist relativ einfach zu erkennen)
Also jedenfalls erzählt dieser Kerl dauernd von einem Mr. Manop, der scheinbar in allen Lebenslagen den Bezugspunkt für ihn darstellt und an den auch ich mich mit allen Anliegen vertrauensvoll wenden könnte. So oder so ähnlich reime ich mir die englischen Satzfetzen zusammen. Als im abendlichen Gespräch mit dem Chef des Trainingscamps, dieser auch noch anfängt von diesem mysteriösen Mr. Manop zu schwärmen riskiere ich’s einfach, da ich ein persönliches Kennen lernen kaum noch erwarten kann: „Who the f*** is Mr. Manop?“ (Nein, das habe ich natürlich nur gedacht!) Jedenfalls schließe ich aus dem pragmatischen Erklärungsversuch, dass es der Kerl mit der Stoppuhr sein muss, der ständig von sich in der dritten Person redet. Ich bin ja nicht humanistisch erzogen worden, aber hat sich dieser Methode nicht auch Julius Cäsar bedient, wenn er seine eigene Größe durch eigene Bescheidenheit hervorheben wollte? Egal in diesem Fall liegt es wohl eher daran, dass man in der thailändischen Grammatik offensichtlich keine Personalpronomen zu kennen scheint und man dementsprechend bei der Analyse ihrer englischen Wortketten gelegentlich etwas um die Ecke denken muss. Doch auch dazu später noch Mehr…
12. Die ersten Trainingseinheiten
In Ermangelung gut asphaltierter Nebenstraßen bevorzugen die Thais das Straßentraining auf der sechsspurigen Hauptstraße, welche die Kaserne passiert: Eine Art Autobahn, bei der man des Linksverkehrs wegen eigentlich rechts überholen sollte. Da aber alle Verkehrsteilnehmer am liebsten rechts zu fahren scheinen, wird in aller Regel doch wieder links überholt. Verwirrend was? Einzig, Einer der vielen altersschwachen und überladenen LKW kriecht gerade in einer schwarzen Wolke den Standstreifen entlang und verhindert somit das Überholen am „linkesten“ Fahrbahnrand. Fährt man nun mit einer Gruppe von Radfahrern eben an besagtem Fahrbahnrand entlang, ist es schon ganz gut ein blaulichtbewährtes Fahrzeug hinter sich zu wissen, das einem den Rücken freihält.
Inhaltlich gesehen ist das erste Training, das ich zu Informationszwecken im Stile der bisherigen Trainingsgewohnheiten anordne, eher erschreckend: Vom Beifahrersitz aus beobachte ich das haarsträubende Ausscheidungsfahren, bei dem sich nach und nach immer mehr geschlagene Figuren an der Bordwand unseres Begleitfahrzeuges festhalten müssen.
Als Nächstes möchte ich mir ansehen, wie sich meine Schützlinge im Gelände so anstellen. Zu diesem Zweck versuche ich zu erfragen, wo man den hier in der Nähe eine kleine MTB-Ausfahrt machen könnte. „Ja, wir haben eine permanente Rennstrecke in ca. 35 Kilometer Entfernung. Da müssten wir aber mit den Rädern hinfahren, weil wir gegenwärtig nur einen Pick-up für die Mountainbiker zur Verfügung haben.“ „Hm, gibt’s denn keine Möglichkeit von hier aus ins Gelände einzusteigen?“ „Nein“, ist die ernüchternde Antwort. So etwas wie Wanderwege scheint es hier trotz herrlicher Bergkulisse nicht zu geben.
Also auf die Räder und ab zur „Bonanza-Farm“ am Rande des Khao-Yai Nationalparks. Gut aufgewärmt dort angekommen, es hat 38°C, stelle ich wiederum fest, dass auch diese Cross-Country Rennstrecke weit anspruchsvoller einzustufen ist, als das was man von den meisten deutschen Rennstrecken gewohnt ist. Dementsprechend sind auf der Abfahrt (und einigen steil-rutschigen Anstiegen) gleich mal sämtliche Damen und einige Herren per pedes unterwegs. Frage mich insgeheim, für wen die solche Strecken anlegen, wenn sich selbst ihre besten Athleten dann hier die Schuhsohlen dünn laufen? Naja, gute Gelegenheit mir ein wenig Respekt zu verschaffen denke ich mir und „rumple“ auf meinem altersschwachen Hardtail, das ich mir von Mr. Tada geliehen habe, mal ordentlich an den verdutzten Fußgängern vorbei. Zugegebenermaßen hat eine derartige Selbstdarstellung doch immer einen unangenehm gönnerhaften Beigeschmack. Aber es ist auch immer wieder faszinierend wie wissbegierige Sportler darauf ansprechen: Von jetzt an hängen die Damen und Herrn sprichwörtlich an meine Lippen und auch wenn sie nicht viel verstehen von dem was ich ihnen zu erklären versuche, so lauschen sie doch äußerst interessiert.
Im weiteren Verlauf weist die Strecke dann einige kurze unangenehm steile uphill-Passagen auf. Der festgefahrene, von Steinen durchsetzte Boden ist bedeckt von einer für europäische Gefilde ungewohnt feinen Laubschicht. Das Zeug ist höllisch rutschig und angetrieben von meiner erfolgreichen Demo zuvor lege ich mich kräftig ins Zeug um zu zeigen, wie man auch die steilsten Stiche hochpressen kann. Diesmal muss ich allerdings einräumen, dass ich dank extremer Hitze (und extremer Trainingsnachlässigkeit) einem Kreislaufkollaps wohl recht nahe kam und dies auch nur mit mäßigem Erfolg verschleiern konnte. Jaja, Hochmut kommt vor dem Fall…
Auf der darauf folgenden Abfahrt rolle ich dann hinter einem kleinen Mädl her, das auf dem schlüpfrigen Laubboden ziemlich ungeschickt hin und her rutscht. Beim nächsten Gruppenhalt lasse ich mir, pädagogisch geschickt, per Handzeichen zeigen welche Fahrer und Fahrerinnen denn auf Downhill spezialisiert wären: Das kleine Mädel ist unter ihnen. Ich denke mit Besorgnis an den 15m Steilabsturz der neuen Abfahrtsstrecke und frage mich gleichzeitig wie ich sie da wohl runter bringen werde? Einige Tage später stellt sich bei meinen Internetrecherchen heraus, dass sich eben dieses Mädl mit ihrem zweiten Rang bei den Asienmeisterschaften auf den 46. Platz der UCI-Weltrangliste „DH-women-elite“ katapultiert hat. Ich kenne einige deutsche Nachwuchsfahrer, die für einen derartigen Erfolg schon den ein oder anderen Finger opfern würden. Andererseits muss man ja zugeben, dass auch den deutschen Damen der Vorstoß in die nationale Spitze, auf Grund überschaubarer Teilnehmerzahlen, nicht gerade schwer gemacht wird. Als ich am Abend das kleine Mädl, das übrigens auf den Namen Yak-Yai hört, auf ihrem „Intense m3“ im gefühlvollen Manual (Anm. d. A.: Rollen auf dem Hinterrad) die lange Auffahrtsstrasse der Kaserne entlangrollen sehe, bin ich einigermaßen erleichtert und denke mir: „Daraus kann man dann doch was machen…“ Allerdings werde ich diesem 41kg schweren Mädel wohl ihr Intense ausreden müssen: Dieser 240mm-Federweg-Bolide wiegt mehr als halb soviel wie sie selbst! Weiß nur noch nicht so genau wie ich ihr das schonend beibringen soll? ist ja wirklich ein schönes Fahrrad.
13. Und der Steuermann reißt das Ruder herum: Training nach der „Borg-Skala“
Entgegen meinen ursprünglichen Ankündigungen, das Trainingsprogramm langsam und Stück für Stück anpassen zu wollen, greife ich nach dem Gesehenen doch relativ hart in die Wochenplanung ein und schreibe einen komplett neuen Plan. Insbesondere den Trainingsprinzipien der Individualisierung und der stimmigen Relation von Belastung und Erholung versuche ich damit näher zu kommen. Leider fehlen uns praktisch sämtliche erforderlichen Gerätschaften zur fundierten Leistungsdiagnostik als Ausgangspunkt der Trainingsplanung. Entgegen meinen Informationen vor dem Antritt meiner Reise haben auch lediglich zwei von elf Athleten einen Pulsmesser zur Verfügung. Also greife ich zurück auf die gute alte Borg-Skala um das Gefühl für subjektive Belastungseinschätzungen (in Kombination mit manueller Pulskontrolle) bei den Athleten zu verbessern. Nicht wenige scheinen in der Vergangenheit praktisch immer am Anschlag „trainiert“ zu haben. Die Erklärungen für die bevorstehende Testeinheit stellen sich dabei als ziemlich zeitaufwendig heraus und zum ersten Mal wird mir so richtig bewusst, wie wenig von meinen Erklärungen bei Fahrern und Assistenztrainern eigentlich ankommt. Darüber hinaus ruft diese erste Maßnahme unter meiner Führung bei meinem Zeitnehmer Mr. Manop gleich zu Beginn sichtbare Skepsis hervor: Als er versteht, dass ich ganz bewusst nicht möchte, dass die Athleten unter Zeitdruck stehen und er deshalb ihre Zeit nicht stoppen solle, ist seinem Gesicht die Enttäuschung deutlich anzusehen. Als ich ihn zum Trost beauftrage die Pausenintervalle zwischen den Intensitätssprüngen zu überwachen ist er aber schnell wieder versöhnt und arbeitet mit gewohnter Präzision für die gemeinsame Sache.
14. Der für den Radsport so wichtige Buchstabe „R“: Ein Phantom thailändischer Phonetik?
Zwischendurch wieder ein kleiner Exkurs zum Thema „Wunderliches der Thailändischen Sprache“: In meiner Kindheit glaubte ich, Chinesen könnten kein „R“ aussprechen und würden stattdessen lustigerweise immer den Buchstaben „L“ benutzen. Zwischenzeitlich glaubte ich das wohl nicht mehr, da ich annahm es handle sich sicher nur um eine primitive Art der Volksverhöhnung. Tatsache ist jedoch, dass die Thailänder in ähnlicher Weise zu sprechen pflegen: Selbst wenn in ihrer eigenen Sprache einige wichtige Wörter mit einem „R“ beginnen, sagen sie es einem einmal mit „R“ vor, um es in der Folge nur noch mit einem „L“ zu artikulieren. So bedeutet zum Beispiel die nicht allzu schwer einzuprägende Floskel „a roi“ etwa soviel wie: „Mensch, die ganzen Schalentiere mit Chilifüllung sind heute wieder erste Sahne“ Aber wenn man dann damit glänzen will wird man nur blöd angeschaut wenn man es nicht mit „L“ ausspricht.
Bizarr wird es wieder einmal wenn es um den Radsport geht: Kommt doch das „R“ schon im „Radsport“ selber als wichtiger Buchstabe vor, so erfährt es in der wunderbaren Alliteration „Rennrad“ eine praktisch unentbehrliche Funktion (Weil sich alles andere blöd anhört!) Dummerweise benutzt man einen normalerweise ähnlich wohlklingenden Ausdruck für das Rennradfahren auch im Englischen: „Road Race“. Dass man dann allerdings auch noch den aus dem Deutschen entliehenen Ausdruck „Rolle“ für das Trockentraining übernimmt und beides zu „Load-Lace-Lolle“ kombiniert ist nichts für schwache Nerven.
15. Bhumibol: Googles langer Arm zu kurz
Weiße Flecken auf dem Globus? Das ist tatsächlich schon sehr lange her. Umso mehr war ich erstaunt, dass das Kartenwerk des Internetzeitalters „Google-Maps“ keinerlei Informationen über Nordthailand bereithält. Dementsprechend dringen wir für unseren ersten gemeinsamen Wettkampfauftritt in ein Gebiet vor dessen genaue Lage ich bis heute nicht kenne: Buhmibol-Dam. Wie eine Art Kolumbus der Postmoderne fühlend besteige ich beim Aufbruch meine four-wheel-drive „Segelbarke“ mit den Blaulichtern und kralle mich am Haltebügel fest Wie immer wenn Mr. Manop den Sicherheitsgurt schließt. Die Damen lassen wir zu Hause, weil der Veranstalter fürchtet, sie könnten vor Ort die Konkurrenz deklassieren. Das besorgen dann schließlich unsere Herren und beanspruchen das „Stockerl“ für sich. Der Verband ist glücklich und ich habe alle Mühe zu erklären, dass es wenig Sinn ergibt eine Nationalmannschaft mit den besten nationalen Fahrer aufzustellen, die sich dann damit begnügt nationale Wettkämpfe zu gewinnen. In der Folge setze ich mich für einen verstärkten Einsatz außerhalb der Landesgrenzen ein. Außerdem versuche ich den Verband zu überzeugen einige Fahrer und Fahrerinnen in den Weltcup zu entsenden. Gut genug sind sie. Aber ansonsten fehlt es noch an Allem. Vermarktung der Sportler findet praktisch überhaupt nicht statt. Als erste Maßnahme arrangiere ich einen Fototermin, um wenigstens mal ein Teamfoto präsentieren zu können. Wenn man hier in Zukunft nicht bereit ist deutlich aktiver zu agieren, wird es am Ende wohl am „lieben“ Geld scheitern und das wäre dann in der Tat schade!
Achja, fast hätte ich meine erste Begegnung mit einem ausgewachsenen Skorpion vergessen: Wäre während der Streckenbesichtigung fast drauf getreten. Selbst zutiefst erschrocken durfte ich dann mit ansehen, wie Mr. Manop sich wenig ängstlich ein Stöcken griff, um den Skorpion amüsiert herumzuschubsen. Also entweder sind die gar nicht so gefährlich, oder dieser Manop ist einfach ein Teufelskerl!
16. Besonderheiten der thailändischen Grammatik: Der Mann mit den fünf Müttern
Die Thailändische Sprache scheint weitgehend ohne Grammatik auskommen zu können. Da ich in sprachwissenschaftlichen Überlegungen noch nie erkennbares Talent mein Eigen nennen durfte, ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich Schwierigkeiten habe mir die Verständigungspraxis dieses Volkes zusammenzureimen. Umgekehrt wirkt sich diese Abweichung von den uns geläufigen Sprachsystemen aber weit dramatischer aus: Wenn man nämlich offensichtlich nicht versteht, welchen Nutzen grammatikalische Unterscheidungen überhaupt haben sollen. So artikulieren sich meine Arbeitskollegen, wenn sie es denn mit englischer Sprache versuchen, weitgehend in Infinitiven und ohne jede Variation von Personalpronomina hinsichtlich Genus, Numerus oder Kasus. Dies kann bisweilen bizarre Missverständnisse hervorrufen: Beispielsweise scheint es auf Thai nur eine einheitliche Verwandtschaftsform zu geben. Anders kann ich mir die Situation nicht erklären, als wir auf dem Heimweg von Bhumibol-Dam bei Mr. Manops Familie Station machen und er mir stolz fünf verschiedene Personen, darunter zwei männliche, jeweils als „my mother“ vorstellt. Ich bin etwas irritiert, überspiele meine Verlegenheit aber höflich. Im Gegenzug fällt einer der Mütter, die sich später als Ehefrau herausstellt, sofort meine große Nase auf: Mit Blicken, die ich als bewundernd werte und eindeutigen Handzeichen umgeht sie weiblich-elegant sämtliche grammatikalischen Fallen der englischen Sprache.
So das war’s für dieses Mal. In dieser Ausführlichkeit wird’s wohl so schnell nichts mehr von mir geben. Es sei denn, es regnet mal wieder etwas länger ;-)